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Kolumne von Tiki Küstenmacher

GRÖBENZELL EARTH

Manchmal stinkt es mir schon, dass die Puchheimer und die Olchinger in Städten wohnen, und ich als Gröbenzeller bloß in einer Gemeinde. Vor ein paar Jahren gab es einen Bürgerentscheid zum Thema Stadterhebung. Da fanden meine lieben Mitbürger, dass unsere Gartenstadt nicht städtisch wird, wenn auf dem Ortsschild „Gemeinde Gröbenzell“ steht. Fand ich absurd. Aber als guter Demokrat habe ich mich der Mehrheit gefügt.

Doch jetzt ist was passiert, wodurch Nichtstadt Gröbi ruhmreich eingegliedert wird in die Reihe der Städte: Wie München, Germering, Fürstenfeldbruck oder Olching sind wir auf Google Earth in 3D zu sehen. „Na und?“, wird mancher seufzen. Doch dieses kaum beachtete Feature der famosen Online- Weltkarte hat es faustdick hinter den Ohren. Wenn Sie wissen wollen, was der Zeitgenosse mit Gröbenzells höchster Thujenhecke hinter seiner Grünmauer versteckt: Ein paar Klicks, und Sie sehen seinen sorgsam versteckten Swimmingpool mit spaciger Abdeckung und flippigem Blätter-Mosaik davor, daneben einen riesigen schmoddrig-grünen Gartenteich. Was verbirgt sich hinter der endlosen Hecke auf dem Anwesen hinterm Gröbenzeller Friedhof? Google zeigt es, hochaufgelöst und aus vier Himmelsrichtungen: nichts! – Nur Rasen, Hecke und drei Büsche, keine Andeutungen weiterer Vegetation. Dafür gibt’s ein paar Häuser weiter abenteuerlichste Dachkollektoren auf Garage und Schuppen. Und wer nicht alles ein Trampolin hinterm Haus hat! Man entdeckt blitzeblau leuchtende Schwimmbecken, und eins, das halbvoll ist mit eklig grünem Inhalt. Ein heiterinformativer Flug über Gröbenzell, und das bei schönstem Sonnenschein!

„Aerial view“ nannte Google diesen Service früher. Jetzt wurde er mit neuen Daten weiter verfeinert, aus den Luftaufnahmen hat man echte dreidimensionale Modelle erzeugt. Das sieht bei den Bäumen leicht surreal aus, die Häuser wirken wie aus dem Modellbaukasten. Gröbenzell wurde aufgenommen am frühen Vormittag des 12. Juli 2015. Die Uhrzeit sieht man an den Schatten, den Tag habe ich erkannt am Sonnenschirm auf dem Garagenvorplatz unserer Nachbarn, dem letzten Überbleibsel unseres Straßenfests am Samstag. Vorm Rathaus steht noch das Karussell vom Bürgerfest. Da ist also am Sonntagmorgen ein kleines Flugzeug mit Hightech-Kameras über unsere Dächer geflogen. Wenn Sie wissen wollen, welche Jalousie Sie damals hochgezogen oder welchen Sonnenschirm aufgespannt hatten – schauen Sie nach! Aber nirgends gibt es Menschen. Man sieht parkende Autos, aber keine fahrenden auf den Straßen. Denn aus Sorge vor Verletzung der Privatsphäre hat Google all das automatisch weggepixelt.

Viele Leute gruselt es bei solchen Bildern. Ich bin fasziniert über die geniale Technik, sehr neugierig – und erstaunt über die Gelassenheit meiner Zeitgenossen. Was war das für ein Aufschrei, als die Google-Kameraautos durch die Gegend fuhren und „Streetview“-Fotos machten – von Ansichten, die jeder Spaziergänger hätte knipsen können. Ganz Vorsichtige ließen ihr Zuhause auf Antrag unkenntlich machen. Und jetzt? Google zeigt einen sehr frechen Blick über den Zaun, und keiner hat protestiert. Nicht mal der Bundesnachrichtendienst. Seine streng geheimen Dienstsitze in Pullach und Berlin kann man auf Google 3D brühwarm in 90-Grad-Schritten von allen Seiten beäugen.

Die Bildqualität von Googles Luftfotos ist gut, aber nicht umwerfend. Als Einbruchshilfe oder Grundlage für Erpressung taugen die bunten 3D-Ansichten nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass vor allem die verwahrlosten S-Bahnsteige und andere Sünden der Deutschen Bahn besser sichtbar wären. Wie etwa der Kiosk, den die Bahn einst dem beliebten Pächter wegnahm, dort kurze Zeit einen „DB Service- Store“ betrieb und das Ding jetzt seit über einem Jahr als Schandfleck vergammeln lässt. Jedes Mal, wenn ich dran vorbeigeh‘, stinkt mir das.


Werner Tiki Küstenmacher, Jahrgang 1953, ist evangelischer Pfarrer, Karikaturist und Autor. Er hat über 100 Bücher veröffentlicht. Allein sein Buch „simplify your life“ erschien in über 40 Auslandsausgaben und erreichte eine Weltauflage von über 4 Millionen. Zuletzt erschien „LIMBI – Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn“. Küstenmacher lebt in Gröbenzell. An dieser Stelle schreibt er in jeder GUSTL-Ausgabe über ein aktuelles Thema.