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Stefan Bauer im Gespräch

Seit 15 Jahren fährt er täglich eine Stunde von Kochel nach Fürstenfeldbruck und eine wieder zurück. Im Radio läuft Bayern 2, sein Stammsender, und natürlich hört er nicht nur zu. Stefan Bauer denkt auch nach. Über die Kreisklinik, über sein Leben und über das, was er will – die Fahrt ist ja lang. Und ab und zu hält der 54-Jährige auch an. Dann schaut sich der dreifache Familienvater hier und da eine Kapelle an, atmet den Duft der Dörfer und beobachtet, wie auf den Feldern die Maschinen immer größer und die nicht bewirtschafteten Flächen immer kleiner werden. Alles hat seine Zeit, sagt Stefan Bauer, der sich im nächsten Frühjahr als Vorstand der Kreisklinik Fürstenfeldbruck und des Seniorenheims Jesenwang verabschiedet, um einen neuen Weg für sich zu suchen .

Stefan Bauer, Vorstand Klinikum Fürstenfeldbruck und Seniorenheim Jesenwang:

Wirtschaftlichkeit: „Früher, als ich noch keinen eigenen Parkplatz am Krankenhaus hatte, hab ich mich gefreut, wenn ich lange einen suchen musste. Ich wusste dann, dass das Haus voll ist. Dabei sind volle Stationen nicht der Gradmesser für die Wirtschaftlichkeit eines Krankenhauses, sondern das, was darin passiert.“

Wissen: „Medizinisches Basiswissen brauche ich natürlich schon, ein Arzt muss man aber für meine Arbeit nicht sein. Ich höre gut zu und habe keine Scheu zu fragen, was ich nicht weiß.“

Individuelle Behandlung: „Der Wille ist da, aber bei 18 000 Patienten, die im Jahr bei uns stationär aufgenommen werden, ist das nicht einfach. Zumal bei einer durchschnittlichen Verweildauer von etwa sechs Tagen.“

Pflegekräftemangel: „Frage ist, ob der Beruf noch attraktiv genug ist, die Ausbildung ist generalistisch ausgerichtet und es gibt in Deutschland keine reguläre akademische Weiterqualifizierungsmöglichkeit wie in anderen Ländern.“

Seniorenheim Jesenwang: „Ach, diese Arbeit fällt für mich kaum ins Gewicht. Dreimal im Jahr bin ich draußen, der Heimleiter managt alles ganz hervorragend.“


Geboren in Benediktbeuern (wo es einst noch ein Krankenhaus gab), aufgewachsen in Kochel – Stefan Bauer ist so verwurzelt mit seiner Heimat und dem Ort, wo jeder jeden kennt, dass er ihn eigentlich nie längere Zeit verlassen hat. Außer einmal für einige Zeit in München. Die Anonymität dort hielt er nur wenige Jahre aus. Im gerade geöffneten Osten Deutschlands waren es sogar nur ein paar Monate. „Die Luft war dort einfach zu schlecht“, sagt Stefan Bauer und nimmt unwillkürlich einen tiefen Atemzug. Dass er seit über 15 Jahren in Fürstenfeldbruck als Vorstand arbeitet, ist schon fast ein Rekord. Nicht nur für die Kliniken in Deutschland, wo es bei solchen Positionen in der Regel alle fünf Jahre einen Wechsel gibt, sondern auch in seinem persönlichen Lebenslauf:

HANDWERKEN UND DISKUTIEREN

Zinngießen und das Basteln an der Modelleisenbahn seines Vaters sind seine in der Jugendzeit vom Vater übernommenen Hobbys. Und das Politisieren – in der Abiturzeitung wurde Stefan Bauer als „Diskussionsfetischist“ bezeichnet. „Mein Sohn ist darin jetzt mein Spiegelbild“, lacht er mit liebevollem Blick. Eigentlich will Stefan Bauer, der mit sonorer Stimme so ruhig wie überlegt spricht, Theologe werden. Oder wenigstens Theologie- und Deutschlehrer. Doch schon nach zwei Semestern stellt er fest: „Das ist nichts für mich.“ Also folgt er dem Rat seines Vaters, macht eine Banklehre und ist überrascht, dass auch das anschließende BWL-Studium „richtig Spaß“ macht. Für ein rein gewinnbringendes Wirtschaftsunternehmen will der emphatische junge Mann jedoch nicht arbeiten. „Ich will mittendrin sein und nicht am Rande der Gesellschaft arbeiten“, beschließt er schon als Student.

Zur Wende 1990 geht Bauer erst einmal in die ehemalige DDR nach Halle, hilft zwei Monate lang bei der Gründung einer Bankfiliale, ist dort anschließend Dozent in einer neuen Wirtschaftsschule. Zurück in der Heimat stürzt er sich in seine große Leidenschaft für Geschichte: ordnet und katalogisiert das Archiv der Gemeinde und bereitet das Jubiläum „500 Jahre Kesselbergstraße“ mit vor. Bis zum Jahr 2001 schreibt der in Latein und alten Schriften firme Hobby-Historiker mehrere Abhandlungen. Als Gemeinderat wird er später auch Gemeindearchiv-Referent. Ein paar Monate lang arbeitet Stefan Bauer auch als freiberuf licher Lehrer in einer Handelsschule in München. Dann erfolgt im Frühjahr 1992 die Festanstellung in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die vor allem gemeinnützige Institutionen hat. In ganz Süddeutschland betreut er Behinderteneinrichtungen, Landwirtschaften, Altenheime – und auch Krankenhäuser. Eines davon ist die Kinderklinik in der Lachnerstraße, wo der 32-Jährige von 1995 bis 1999 Verwaltungsleiter wird. „Eine andere Welt“, schwärmt Stefan Bauer, der sich in den historischen Mauern wie zu Hause fühlt. In einer uralten Hülle moderne Medizin zu machen, fasziniert ihn. Und noch heute ist er als 1. Vorsitzender des altehrwürdigen, 1903 gegründeten Fördervereins „Prinzessin Rupprecht“ tätig. Im Januar 2000, die Zusammenlegung mit dem Dritten Orden steht bevor, wechselt Bauer nach Fürstenfeldbruck. Doch der Start ist schwierig, die ersten Jahre über muss er sich „durchbeißen“.

EINIGEN UND SCHLICHTEN

Ein ewiger Spagat: Zwischen den Patienten, die eine umfassende Versorgung wünschen und fordern, den Ärzten, die neueste Techniken und mehr Personal brauchen und dem Träger, der das Haus wirtschaftlich betreiben muss. Der Druck auf die Kliniken in der Münchner Peripherie ist zudem sehr hoch. Stefan Bauer muss deshalb nicht nur wirtschaftlich denken, sondern auch die Krankenhauslandschaft beobachten. Von 2005 bis 2011 verzeichnetet die Klinik enorme Patientenzuwächse, nachdem die Innere Medizin und die Chirurgie in Abteilungen unterteilt und spezialisiert waren: „Diese Diversität braucht es, weil München so nah ist und jeder die Möglichkeit hat, für besondere Behandlungen Spezialisten aufzusuchen. Dagegen müssen wir konkurrieren.“ Stefan Bauer versucht, verschiedene Fachrichtungen so auszubauen und zu verknüpfen, dass sie sinnvoll kombiniert werden können. Wie die Unfallchirurgie mit Neurochirurgie. Eine Kinderabteilung mit Neonatologie bleibt jedoch Utopie. „Zu wenige Geburten“, bedauert Bauer.

Das Krankenhaus bezeichnet er als „Gemischtwarenladen“ – in dem es nun einmal nicht einfach ist, die unterschiedlichen Bedürfnisse zufriedenzustellen. „Die Arbeit ist schon schwierig“, gibt er seufzend zu, „aber normal. Dabei geht es mir auch darum, Verständnis zu wecken. Wir leben ja nicht in einem Wunschkonzert.“ Und mehr könne man eben für das Geld nicht verlangen. Nicht zu vergessen: Mit einem Anteil von 60 Prozent Notfallpatienten liegt die Brucker Klinik an der Spitze im weiten Umkreis. Sie sind am schwierigsten zu behandeln. Weil es keine durchplanbaren Behandlungsabläufe gibt.

AUSSTEIGEN UND EINSTEIGEN

Für fünf Jahre werden die Dienstverträge mit Klinikvorständen abgeschlossen. Als zuletzt sein Vertrag im Februar dieses Jahres ausläuft, lässt Stefan Bauer ihn nur für ein Jahr verlängern. „Nachdem der Impuls zu gehen nicht von außen kommt, musste ich aktiv werden“, sagt er und zuckt gleichmütig mit den Schultern. Dass er von seinem im vergangenen Jahr gefassten und im Familien- und Freundeskreis kundgetanen Entschluss zurückweicht, kam eh nicht mehr in Frage. „Und ich finde es nur fair, wenn der Verwaltungsrat Bescheid weiß und ohne Zeitdruck einen Nachfolger suchen kann“, sagt Stefan Bauer.

Wohin es ihn zieht? Stolz holt der Diplom- Betriebswirtschaftler Bilder aus der Schublade. Seine Augen strahlen und zum ersten Mal wird seine so ruhige Stimme aufgeregt, als er seine Werke zeigt: verspielte Regale, ein außergewöhnlicher Couchtisch und eine elegante Anrichte, gefertigt aus einem Mix aus natürlichem und zugeschnittenem Holz, natürlich oder punktuell bemalt mit zarten Farben. Schon als Student hatte sich Stefan Bauer eine Werkbank angeschafft und Holzarbeiten gefertigt. Nach 20 Jahren holt er sie jetzt aus ihrem Schlaf und beschäftigt sich auch mit Farbpigmenten, die er selbst anreibt. Das Holz schneidet er zurecht – mit seinem kleinen Sägewerk in der Garage. Auch mit dem Zinngießen hat der kreative Kocheler wieder angefangen, zuweilen verbindet er jetzt die beiden Materialien in seinen Möbeln. Stefan Bauer lächelt. „Neben meinem Bett liegt ein Notizbuch, in dem ich skizziere und meine Ideen aufschreibe. Wie ich Möbel optimieren und schöner machen kann“, verrät er und lehnt sich entspannt zurück. Ob und was aus seinem Vorhaben wird, sagt er dann, wisse er nicht. „Ich habe einfach das Gefühl, dass ich einen neuen Weg gehen möchte, um nicht mit 70 Jahren festzustellen, dass ich etwas versäumte. Ich will es wenigstens versucht haben.“