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Musterlandung in Germering

Der Autohändler Lothar Meßner hat sich seinen Traum vom Fliegen in der Garage verwirklicht

Wir stehen mit unserer Boeing 737 am Anfang der Startbahn des Innsbrucker Flughafens. Es sind genau 138 Passagiere an Bord und 4,4 Tonnen Treibstoff, das Abhebegewicht liegt bei 64 Tonnen. Der Computer rechnet die Startgeschwindigkeit aus, 150 Knoten reichen. Die Trimmung der Maschine ist mit 35,5 Prozent ideal, das Wetter auch: Nur einige Wölkchen über dem Inntal, kaum Wind. Vorne fahren ein paar Lieferwagen am Flughafen-Zaun entlang.

Kapitän Lothar Meßner gibt das Anschnallzeichen für die Passagiere, denn aus dem Dauergequassel vom Tower hören wir jetzt eine Nachricht für uns heraus: „2525 ready for take off.“ Meßner startet die Triebwerke, es dröhnt im Cockpit, er zieht etwas Druckluft, die er für den Start braucht, aus der Kabine ab und blickt aufmunternd zu mir: „Dann bring` mer die Kiste hoch.“ Er drückt einen Hebel ganz nach vorne, die Maschine nimmt schnell Geschwindigkeit auf, denn Innsbruck ist ja auch berüchtigt für seine kurze Startbahn. Nur am veränderten Blickwinkel vorne aus der Scheibe merken wir bald darauf, dass wir in der Luft sind.

Plötzlich ertönt ein Warnsignal: Dafür, dass die Landeklappen noch nicht ganz drin sind, haben wir schon zu viel Tempo, findet der Flight-Manager, also der Computer. Kein Problem für einen Mann mit 3 000 Flugstunden: „Is scho` recht“, knurrt er in Richtung des Gepiepses, drückt schnell einige Knöpfe, bewegt einige Schalter und der Alarm verstummt. „Alles grün, siagst as?“, sagt er mit Genugtuung und einem Blick auf die Dutzenden von Anzeigen vor ihm, über ihm und auf den beiden Seiten. Für einige Augenblicke sieht man draußen nur noch eine graue, unstrukturierte Masse – wir f liegen durch die Wolken. Kurz danach gleißendes Sonnenlicht. Höhe 11 000 Fuß, Geschwindigkeit 290 Knoten, Meßner löscht eine weitere Anzeige: „Die Passagiere lassen wir aufstehen, die müssen zum Pieseln.“ Alles planmäßig, keine Störungen. „Das wird ein angenehmer Flug“, sagt der Kapitän.

Landung bei Nebel und Eis

Das wird er in der Tat. Denn Lothar Meßner ist kein richtiger Pilot, sondern Autohändler. Und statt jetzt wirklich nach einer langen Rechtskurve über den Alpenhauptkamm zu f liegen, sitzen wir in einer Garage in Germering und spielen an einem Simulator Fliegen. Der 52-Jährige ist ein lustiger Vogel, ständig am Reden und nach 25 Jahren ganz offensichtlich immer noch begeistert von seinem Hobby, das jetzt auch zum Geschäft geworden ist.

Angefangen hat er mit einem Bildschirm und einem Stick, heute sitzen wir praktisch im Original-Cockpit eines Ferienfliegers. Nur einige wenige Teile, wie die Druckanzeige, sind Attrappen. Die gesamte Einrichtung hat mittlerweile den Wert eines guten „Mittelklasse- Mercedes“, schätzt er. Der Computer reagiert auf jeden Knopfdruck, jede Schaltung, jede Hebelveränderung und nimmt auch manches scheinbar übel. Alles ist lebensecht: die Lautstärke der Triebwerke, die leichten Turbulenzen, das Wetter draußen, das jede Viertelstunde nach der Wirklichkeit aktualisiert wird. Nur Fliegen ist schöner.

Oder auch nicht. Denn Meßner kann mit seiner Boeing reisen, wann und wohin er will. Bei den Nordamerika- Flügen muss er zwar zum Auftanken zwischenlanden, denn auch ein Absturz mangels Sprit über dem Atlantik würde perfekt simuliert werden. Aber er nimmt die lange Überwasser-Route von Portugal aus, statt möglichst nahe an Land über Irland nach Neufundland. Er landet bei Nebel und Eis und auf Flugplätzen wie Fursty, der offline von keiner Maschine mehr angesteuert wird.

Der Familienvater ist in dem Online- Bewertungsportal der Garagen- und Hobbykeller-Flieger inzwischen zum „Captain“ aufgestiegen und darf vier Streifen am Hemd tragen. Bloß die offizielle Uniform gibt es nicht, auch nicht von seiner Lieblingslinie „Air Berlin“. Nur die „Königsklasse“ mit einem noch teureren Programm ist ihm bisher verwehrt. Dort gibt es echten Funkverkehr mit echten Lotsen, die in ihrer Freizeit mitspielen und einen Co-Piloten sowie eine ebenso virtuelle Stewardess, die Kaffee ins Cockpit bringt und sich über zudringliche Passagiere beklagt.

Nur einmal, versichert Meßner, vor ewigen Zeiten, ist er verunglückt. Nach ein paar Weißbier mit einem Spezi war er zu schnell und „zu unkoordiniert“ bei der Landung. Na ja, ist ja nichts Schlimmes passiert. Die echten Piloten übrigens scheinen ihre simulierenden Kollegen nicht für große Kinder zu halten, die halt das Fliegen spielen müssen. Ein anderer Spezi, ein Airbus-Kapitän, lobte die Anlage mit den Worten: „Wie bei uns.“ Und einmal durfte er nach entsprechender Vorstellung tatsächlich vorne mitfliegen, sogar die Check-Liste durchgehen und von Korfu bis München fachsimpeln. Er ging als Onkel des Piloten durch.

Die Berge kommen näher: „Don`t sink!“

Über den italienischen Alpen. Am künstlichen Horizont wird eine blaue Fläche sichtbar: das Mittelmeer. Meßner wollte mir eigentlich Venedig zeigen, mit den vielen Kreuzfahrtschiffen und dem Flughafen direkt an der Küste. Aber weil wir vorher darüber gesprochen hatten, wünsche ich mir jetzt eine Notlandung. Kein Problem, die Passagiere wissen ja von nichts und auf einem Bildschirm werden in Sekundenschnelle Ausweichplätze angezeigt. „LIPA“ scheint der nächstgelegene. Auch der erfahrene Pilot weiß nicht, wofür die Kombination steht, aber unserer Position nach könnte es Verona sein. Kursänderung, langsamer Sinkflug.

10 000 Fuß, die Landelichter sind schon an. Ich hab zwar ausnahmsweise keine Flugangst, doch die Berge unter uns kommen immer näher, und es ist noch ein ganzes Stück bis zur weiten norditalienischen Ebene. „Wir haben genug Luft unter uns“, beruhigt mich der Flugzeugführer, obwohl das Boden-Annäherungsradar schon gelbe Flächen anzeigt. Das ist nicht gut, hab ich gelernt. Jetzt meldet sich auch noch eine Computer- Stimme: „Don‘t sink!“ Denn wir sind noch nicht auf dem Gleitweg nach LIPA und zu niedrig für unser Tempo von 190 Knoten. Die letzten Berge bleiben hinter uns. Meßner fährt Fahrwerk und Landeklappen aus. Eine letzte steile Kurve und wir schweben über ein paar italienischen Häusern in LIPA ein. Dezentes Aufsetzen, Gegenschub, wir rollen aus. „Heut‘ hast a Musterlandung gesehen“, schwärmt der Pilot.

Nur als Flugzeugfahrer scheint der Autohändler weniger erprobt. Kein Lotsen- Fahrzeug, keine Einweisung vom Tower. Meßner kurvt auf dem ganzen Vorfeld hin und her. Des Rätsels Lösung: LIPA ist ein Militärflugplatz, weshalb das Programm auch nur einen Standard- Airport zeigt und keine wirklichen Details, wie etwa die Aufschrift Aeroporto di Verona an der Abfertigungshalle. Richtige Flughäfen muss man extra kaufen. Immerhin ist die Außentemperatur real: 26 Grad. Derart geerdet bleibt eigentlich nur eine Frage, warum er nicht richtiger Pilot geworden ist? Zu faul in der Schule, meint Meßner. Und warum dann keinen Privat-Pilotenschein? Ach, diese kleinen Maschinen seien doch langweilig. „Das hier donnert“, sagt er und zeigt auf seinen Simulator. „Das ist Fliegen.“

Christoph Bergmann