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Seids amal staad

Kolumne von Tiki Küstenmacher

Eigentlich mag ich keine typischen „Verkäufer“. Bis ich Mike aus Gröbenzell kennengelernt habe (und der nur hier in dieser Kolumne Mike heißt). Er hatte die klassische 4B-Karriere gemacht – Banklehre, BWL-Studium, Beraterfirma, Börsenspezialist. Seine Leidenschaft, so erzählt er mir: anderen Menschen etwas verkaufen. „Das Größte ist, wenn der Kunde Ja sagt. Um dorthin zu gelangen, musst du vor allem eins können: schweigen.“ Das klang interessant.

Mikes Augen leuchteten. „Irgendwann musst du als Verkäufer einen Preis nennen: die Monatsrate, die Gesamtkosten, die effektive Belastung. Der Kunde reagiert dann vielleicht entsetzt, oder bockig, oder er schüttelt nur traurig den Kopf. Jetzt erwartet er von dir ein neues Angebot, einen Rabatt, irgendeinen Ausweg. Du aber – musst schweigen. Es aushalten, nichts zu sagen. Keine Entschuldigungen, vor allem aber keine Angebote, für die du später einen Rüffel kriegst von deinem Chef. Da können zehn Sekunden schrecklich lang sein.“

Bei Mikes Worten wurde mir klar, dass auch ich regelmäßig in ähnliche Situationen gerate. Jemand bittet mich um einen Gefallen, aber ich habe schon so viel anderes, was zu tun ist. Ich muss Nein sagen. Doch die darauf folgende Stille ist mir so peinlich, dass ich doch noch irgendein Angebot mache. Über das ich mich später ärgere. Dank Mike und seiner Schweigephilosophie ist mir klar geworden: Im richtigen Moment zu schweigen – das ist noch wichtiger als das Nein-Sagen selbst.

Auf jeden Fall ist es besser als lügen. Was hätte Bill Clinton sich und dem US-Präsidentenamt alles ersparen können, wenn er in den entscheidenden Momenten der Lewinsky-Affäre die schrecklich langen Sekunden des Schweigens ertragen hätte! Das hätte mehr Größe gehabt als anf ängliche Lügen und die dann scheibchenweise präsentierte „Wahrheit“. Ich erinnere mich an den damaligen Kommentar eines britischen Politikers, der lapidar meinte: „Ein Gentleman schweigt.“

Wir haben in unserer westlichen Kultur das Ritual der Schweigeminute. Eine wertvolle Errungenschaft, denn im Schweigen können sich auch unterschiedliche Weltanschauungen oder Religionen vereinen. Weil sie es als Schwäche ansehen, bringen manche Menschen es nicht fertig zu schweigen. In Wahrheit aber zeugt es fast immer von Stärke.

Vor ein paar Jahren hat mir ein Pfarrer erzählt, was seine Konfirmanden in einer Umfrage beim Gottesdienst am schönsten fanden: Wenn einmal geschwiegen wurde. Nach einem Gebet, in der kleinen Pause vor der Predigt. Ich kenne eine Dame, die immer schon eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn in der Kirche sitzt, weil sie die Stille vor dem ersten Orgelton so liebt.

Es kann sehr anregend sein, über einen guten Wein oder ein ausgezeichnetes Essen zu sprechen. Doch bei jeder guten Gourmetrunde gibt es wunderbare Momente des schweigenden Glücks. Ganz besonders gilt das für erotische Erlebnisse. Als ich Teenager war, verkündete der Aufklärer Oswalt Kolle, man müsse „über alles“ sprechen. Das glaube ich inzwischen nicht mehr. Das Wunderbare kann auch an Kraft verlieren, wenn man es zerredet. Es gibt zwischen zwei Menschen so manches Geheimnis, das vom Schweigen lebt.

Ich hoffe, Sie hatten im Urlaub ein paar große, erinnerungswürdige Momente. Vermutlich haben Sie sie schweigend genossen. Ein Urlaub ist sowieso in der Regel eine Erholung vom lauten Alltag, in dem so viel gesprochen und angehört werden muss. Ich wünsche Ihnen, dass Sie ein Stückerl davon in den herbstlichen Alltag hinüberretten können. Da können zehn Sekunden wunderbar lang sein.


Werner Tiki Küstenmacher, Jahrgang 1953, ist evangelischer Pfarrer, Karikaturist und Autor. Er hat über 100 Bücher veröffentlicht. Allein sein Buch „simplify your life“ erschien in über 40 Auslandsausgaben und erreichte eine Weltauflage von über 4 Millionen. Zuletzt erschien „LIMBI – Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn“. Küstenmacher lebt in Gröbenzell. An dieser Stelle schreibt er in jeder GUSTL-Ausgabe über ein aktuelles Thema.