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Retter auf vier Pfoten

Bis zum Bauch reicht schon der Schnee. Unablässig fällt er an diesem frühen Morgen aus dem grauen Himmel und bahnt sich seinen Weg durch die nackten Äste des Schöngeisinger Forstes. Beißend treiben Windböen die Flocken in die Falten der Baumrinden und lassen Eiskristalle zu dicken Klumpen verkleben – an tief gebeugten, blassen Gräsern und an den Bärten und Ohren von Camillo, Chaya, Einstein und ihren Kollegen. Doch einerlei scheint ihnen das ungemütliche Wetter zu sein. Aufrecht sitzen sie im Schnee, wie zu Statuen erstarrt. Und wie hypnotisiert sind ihre wachsamen Blicke auf die Hände gerichtet, die über ihren Köpfen schweben und die jeden Moment den Befehl geben werden. Zu einem Training, das Leben retten kann. Bei einem Einsatz in der Rettungshundestaffel Fürstenfeldbruck.

Stolz tragen sie ihre Westen – ein leuchtfarbenes Geschirr mit Lampe, das eigentlich eine Kenndecke ist. „So sehen Außenstehende, dass sie Rettungshunde sind“, erklärt Trainerin Esther Gruber. Seit 12 Jahren ist die Tierärztin aus Memmingen Rettungshundeführerin und Trainerin. „Weil ich etwas Sinnvolles mit meinem Hund machen wollte“, begründet sie es ganz selbstverständlich. Und seit Gründung des Vereins in Fürstenfeldbruck im Jahr 2013 ist Esther Gruber auch 1. Vorsitzende. Mit ihrem Hund „Fussel“, dessen Name angesichts des fusseligen Fells durchaus Omen ist, ist sie heute hier. Viele ernste Einsätze hat die Trainerin bereits hinter sich. „Meistens sucht man stundenlang und findet nichts“, erzählt sie und meint damit vermisste Kinder, verwirrte Rentner, Depressive. „Auch das ist hilfreich. Denn dadurch kann man Suchgebiete eingrenzen und weiß, dass da niemand ist.“

Zweimal in der Woche findet das Training für den Ernstfall statt: auf stillgelegten Fabrikgeländen, Schrottplätzen, in alten Fabrikhallen und in Wäldern, wie dem Schöngeisinger Forst. Mehrere 100 000 Quadratmeter Fläche stehen hier zur Verfügung – optimal zum Üben. „Denn je nach Kondition, Temperatur und Flächenbeschaffenheit muss ein Hund schon 50 000 bis 150 000 Quadratmeter absuchen können“, erklärt Esther Gruber. Zwischen vier und zehn Stunden dauert deshalb das Training, auf die sich die Hunde offensichtlich freuen: aufgeregt wedeln ihre Schwänze und es ist nicht zu übersehen, wie viel Disziplin sie brauchen, nicht gleich loszurennen.

Für ihre Herrchen und Frauchen bedeutet das Training: bis zu zwei Stunden bei Wind und Wetter irgendwo liegen und ausharren, bis der Hund endlich kommt. Zuweilen auch nachts! „Da kann man viel über sich nachdenken“, lacht Anton Hartmüller, der seit zehn Jahren Hundeführer ist. Hart im Nehmen müsse man außerdem sein, ergänzt er schnell: Versteckt in Trümmern begegne man riesigen Spinnen, neugierigen Mäusen und aufdringlichen Ratten. Hartmüller verzieht das Gesicht:

„Und bewegen darf man sich nicht!“

Camillo, der dreijährige, knuddelige Königspudel mit Starallüren, ist noch ein Anfänger. Seine „vermisste Person“ versteckt sich nur in 15 bis 20 Meter Entfernung, geht aber verschlungene Wege, um verschiedene Fährten auszulegen: Ein Hund kann lediglich gut schnuppern. Nur was sich bewegt, kann er sehen. Was erklärt, warum sich die „Gesuchten“ nicht rühren dürfen. Camillos Aufgabe heute: suchen, finden, bellen und ein Leckerli aufschlecken. „Die Hunde müssen lernen, gerne zum Menschen zu kommen, weil ein Mensch toll ist und er etwas von ihm kriegt“, erklärt Esther Gruber. Das ist das Problem. Denn dieses Vertrauen jeder fremden Person gegenüber soll er ja als Beschützer in aller Regel im Alltag nicht haben. Zu unterscheiden, zwischen „Job“ als Rettungshund und „Freizeit“ als Haushund, ist deshalb ein großer Teil der Ausbildung.

Ein anderer ist, sich nicht bei der Suche ablenken zu lassen. Weder durch die Rufe seines Herrchens, noch durch den Instinkt. Rehe, Hasen und anderes Getier oder weitere Hunde sind passé. Jagen oder Reviere verteidigen ist strikt verboten. 100 Prozent Gehorsam wird verlangt, der während der Woche permanent trainiert werden muss.

Zweieinhalb Jahre dauert die Ausbildung für Hund und Mensch. Kondition und die Teilnahme an mindestens 70 Prozent der Trainingseinheiten und Theoriestunden sind Pflicht. Nur dann kann die Einsatzreife erreicht werden.

„Das ist ein sehr zeitintensives Hobby“,

sagt Esther Gruber. „Für andere Aktivitäten bleibt da keine Zeit mehr.“ Dafür bliebe auch nicht viel Geld übrig: Die Fahrten zu den Übungen im Umkreis von 200 Kilometern und sogar die Ausrüstungen müssen die Hundeführer aus ihrer Privatkasse zahlen.

Renate Aufenanger aus Pfaffenhofen weiß das gut. Chaya ist ihr zweiter Rettungshund, der trotz seines jungen Alters schon kleinste Geruchspartikel aufnehmen kann und selbst im Dickicht die weit entfernte gesuchte Person noch findet. Worauf die Einsatzassistentin und Ausbilderin sehr stolz ist und die Leistung mit Frisch- und Leberwurst belohnt. Silvia Ruhdorfer, die Fotografin, die nebenbei bei den Johannitern arbeitet, setzt ihre Leika auch außerhalb des Trainings ein. „Es ist enorm, wie der Hund an autistische Kinder herankommt“, strahlt sie.

Trotz des kalten Winterwetters ist das Training erst am Nachmittag beendet. Müde vom Verstecken, Schnuppern und Rennen sind Hundeführer und Hunde gleichermaßen. Letztgenannte machen es sich im Kofferraum bequem. Erschöpft rollen sie sich zusammen und sind wie kleine Kinder beim ersten Motorengeräusch eingeschlafen – noch bevor der vereiste Schnee in ihrem Fell schmelzen kann.


Geeignet als Rettungshund sind nach Aussage von Ausbilderin Esther Gruber (fast) alle Hunderassen und deren Mischlinge – „die einen brauchen nur länger, als die anderen“, erklärt sie. Die Ausbildung selbst kann bis zu einem Alter von drei Jahren beginnen – erfahrene Hundeführer nehmen zu den Trainingsstunden auch jüngere Tiere mit. Ausgebildet wird für die Trümmer- und Flächensuche. Ein erstes Schnuppertraining ist fast jederzeit möglich.

Weitere Informationen zur RHS FFB e.V. unter www.rettungshundestaffel-ffb.de