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Wo der Chef noch kocht

Germering hat weit mehr zu bieten als Hochhäuser und Autobahnanschlüsse

Obwohl (oder weil) Germering die ältere und die größere von zwei Großen Kreisstädten im Landkreis ist, gehört die Stadt irgendwie nicht recht dazu: Fürstenfeldbrucker kommen eher mal nach Hörbach im äußersten Westen als nach Germering, das sie höchstens auf dem Weg nach und von München passieren. Und wie zur Bestätigung wurde die Stadt jetzt auch politisch ausgegliedert und als einzige Landkreis-Kommune dem Bundestags-Wahlkreis Landsberg/Starnberg zugeschlagen. Nein, Germering, das heuer seine 25-jährige Stadterhebung feiert, hat‘s nicht leicht.

Dennoch fühlen sich inzwischen über 40 000 Menschen in einer Kommune zuhause, die von einem ortskundigen Politiker einmal als „Schlafstadt, in der gelebt wird“ bezeichnet wurde. Nach über viereinhalbtausendjähriger Geschichte – die ältesten Gräber aus der jungsteinzeitlichen Glockenbecherkultur befanden sich unter der Oberen Bahnhofstraße – wurden die beiden in den 60er-Jahren rasant gewachsenen Orte Germering und Unterpfaffenhofen bei der Gebietsreform 1978 zu einer Gemeinde zusammengelegt, schon damals die einwohnerstärkste Gemeinde Bayerns. Dass Gesamtgermering 1991 Stadt wurde, war angeblich einer Art Bierlaune zu verdanken: Der damalige Bürgermeister Rudi Bay soll einige Jahre zuvor den damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß auf dem Nockherberg von der Notwendigkeit einer solchen Beförderung überzeugt haben. Der damalige Innenminister Edmund Stoiber jedenfalls, der mit einer Kutsche vom Bahnhof abgeholt wurde, überreichte bei einer großen Feier im April die offizielle Urkunde. Stadt zu werden war damals noch etwas Besonderes, wie in Germering angesichts der späteren Stadterhebungsflut und mit Blick auf die Kleinstädte Olching und Puchheim betont wird. 13 Jahre später mussten schon wieder die Ortsschilder ausgetauscht werden: Germering wurde „Große Kreisstadt“, ein Titel, der außer einigen zusätzlichen Befugnissen für das örtliche Bauamt eigentlich keine Bedeutung hat. Nur der Bürgermeister heißt seitdem Oberbürgermeister.

Schon die Gemeinde Germering war bekannt für ihr vorbildliches soziales Netz, das heute noch enger geknüpft ist. Und auch kulturell war die Gemeinde nicht unterversorgt, wenngleich das Aushängeschild – typisch Dorf – ausgerechnet in einem ehemaligen Pferdehof entstand: das bald weit über den Ort hinaus populäre Roßstall-Theater. Der große Schritt nach vorne war aber die 1991 sich noch in Bau befindliche Stadthalle, heute ein Kulturtempel mit 6 000 Quadratmetern Veranstaltungsfläche und erheblicher Außenwirkung. Im vergangenen Jahr wurden 250 000 Besucher gezählt, Musiker wie Johnny Cash, Nina Hagen oder Haindling lernten bei ihren Auftritten den Namen Germering kennen. Auch was das sonstige Freizeitangebot betrifft, müssten die Germeringer ihre Stadt eigentlich nie verlassen. Kino und Museum gibt es vor Ort, der Bewegung dienen Eishalle, ein auch für Gäste offener Golfplatz, Frei- und Hallenbad, Badesee mit Gehölzerlebnispfad und vieles mehr. Sport lässt sich natürlich auch in einigen der über 160 Vereine betreiben und dort mit einigem Erfolg wie die Skifahrer-Familie Dürr mit Tochter Lena heute bereits in der zweiten Generation beweist. Die größte Sammlung überregionaler Titel besitzen allerdings die örtlichen Inline- Hockey-Spieler als zehnfache deutsche Meister.

In der ehemaligen Schlafstadt kann man aber auch arbeiten, statt nach München zu pendeln. Die Zahl der Arbeitsplätze wächst, es gibt zwei Gewerbegebiete und einen neuen Handwerkerhof. Und der Einzelhandel macht seinen Umsatz in „pulsierenden Einkaufsstraßen“, wie der heutige Innenminister zur 25-Jahr-Feier lobte, und baut auch auf Kunden aus dem neuen Münchner Stadtteil Freiham. Durch dieses riesige Neubaugebiet ist Germering auch optisch noch näher an München gerückt und wirkt noch mehr wie ein Stadtteil. Zumindest aus Brucker Sicht. Aber vielleicht ist man dort auch nur neidisch auf die Germeringer Alleinstellungsmerkmale: Die einzige Stadt im Landkreis mit sechs evangelischen und katholischen Kirchengemeinden. Die einzige mit einem weiblichen Bauhofleiter. Und die einzige, in der der Bürgermeister öffentlich und für einen guten Zweck Gäste bekocht.

Christoph Bergmann